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12.05.2011 – 12.05.2017: Über nichtdigitale Speichermedien

Barbara Basting, 24.03.2017

Der Facebook-Algorithmus hat mitbekommen, dass ich was mit Kunst und Museen habe und setzt mir aus dem Pool meiner früheren Posts den Schnappschuss eines Louvre-Billets vor. Das Fetzchen hatte zum Zeitpunkt des Postens schon Jahrzehnte als Lesezeichen in einem nichtdigitalen Speichermedium überdauert, einem Taschenbuch aus meiner Pariser Studienzeit.
Mein Louvre-Tag war damals der erste Sonntag im Monat. Gratiseintritt! Zu blöd, die Seitenkabinette mit Dürer und Vermeer waren nur wochentags geöffnet. Für Studierende galt der »tarif réduit C«. Halber Preis, acht Francs: der Gegenwert von drei Baguettes. Heute ist der Louvre für die EU-Jugend bis 26 gratis. Der volle Eintritt liegt bei 15 Euro, Gegenwert von mindestens fünfzehn Baguettes.

 

 


Allerdings ist der Louvre auch um einiges größer als damals. Der »Grand Louvre« mit I.M Peis heftig diskutierter Glaspyramide war eines der »Grands Projets« von Präsident François Mitterrand. Zusammen mit seinem Minister Jack Lang führte er eine Kulturoffensive, als könne man damit die schon angeknackste »Grande Nation« retten. Keine Regierung seither hat noch derart beherzt an die Reformkraft der Kultur geglaubt. Töricht nur, dass selbst der Sozialist Mitterrand quasi royalistisch fixiert war auf »Grandeur« – und auf Paris.
Touristisch ist der »Grand Louvre« zwar ein Riesenerfolg und das meistbesuchte Museum der Welt. Aber trotz der Expansion nach Lens, in die wirtschaftlich gebeutelte Provinz, und trotz Eröffnung einer Islam-Galerie ist der Kulturglaube verdampft, ein Louvre könne den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Eher dienten solche Manöver, wie auch die kontroverse Gründung des Louvre Abu Dhabi, der Profilierung einer kultur­touristischen Marke.
Nun plötzlich dies: Der neugewählte französische Präsident Emmanuel Macron benutzt doch ausgerechnet die neopharaonische Glaspyramide als Staffage für seine erste Rede und legt auch hier die Latte hoch, in dem er auf den »Wagemut der Pyramide« und den Louvre als Gründungsikone republikanischer Kultur verweist.
Nicht nur angesichts solcher Pathosformeln kommen mir meine Louvre-Besuche von 1984 vor wie Tauchgänge in einer Zeitkapsel aus dem 19. Jahrhundert. Ihr Herzstück waren die Grande Galerie und der Ständesaal mit den Italienern sowie die Säle mit den grandiosen Historienschinken von Delacroix und Géricault. Man stand davor und versuchte sich was zu denken.
Denn der Louvre, dieses Produkt der französischen ­Revolution, aus dem sein Gründer Vivant Denon ein ­Museum des Volkes machen wollte, war noch 1984 ein Museum der Eliten. Vermittlung, außer dürren Namens- und Jahresangaben: zéro. Er war aber auch ein Hort der Kunst vor der Bilderflut, ein Museum vor dem Museumsshop, dem Museumsselfie und einer beflissenen Vermittlung. Es gab nichts als die Kunst. Also versuchte man zu verstehen, was diese Kunst war. Wenn man es hier nicht verstand, wo dann?
Über allem lag ein Zauber, den die geölte Kunstkonsummaschine mit Shoppingmall-Direktanschluss für mich verloren hat. Das ­Ticket von 1984 ist unversehens zum Eintrittsbillet in diese Welt von gestern geworden.

 

PS: Die Aktie schwankt um 150 Dollar. Der Ex-Facebook Executive Antonio Garcia-Martinez reflektiert im »Guardian« über ethische Probleme der zielgruppenorientierten Werbung von Facebook: https://www.theguardian.com/technology/2017/may/02/facebook-executive-advertising-data-comment, und der Netzkritiker Geert Lovink fragt in seinem jüngsten Buch: »What is the social in social media«? http://eu.wiley.com/WileyCDA/WileyTitle/productCd-1509507760.html

Hinter der Great Firewall

Barbara Basting, 26.10.2018

Ich sitze in der Lobby eines Hotels in China. Zum Hotel inmitten einer toskanisch anmutenden Landschaft, in das ich mit anderen Gästen eines wissenschaftlichen Kolloquiums einquartiert wurde, gehören ein Golfplatz, ein Thermalbad sowie eine weitläufige Ferienhaus-Kolonie. Am Horizont Hochhäuser und das Gelbe Meer. Die Gegend gilt als Riviera Chinas und grenzt an die Stadt Qingdao. Unter Kaiser Wilhelm II. war sie für kurze Zeit deutsche Kolonie. Heute boomt die Stadt nicht nur wegen der damals gegründeten Brauerei.
In der Lobby steht ein Glücksspielautomat für Kinder. Man kann Plüschtiere von Walt Disney angeln. Die Bilder von ausgebeuteten Arbeiterinnen in chinesischen Fabriken kommen einem hier schneller als sonst in den Sinn. Als ich kurz darauf meine Facebook-Seite aufrufe, meine ich zu halluzinieren. Denn der Facebook-Algorithmus präsentiert mir ausgerechnet ein Erinnerungsbild mit Plüschtieren. Haben die inzwischen Umgebungssensoren in ihrer App?
Die Aufnahme hatte ich am 10. September 2013 auf dem Taksim in Istanbul gemacht. Ich war für die Istanbul-Kunstbiennale angereist. Im Mai zuvor waren die Gezi-Park-Proteste gewaltsam niedergeschlagen worden. Die Stimmung war spürbar angespannt. Zwar standen die Simit-Verkäufer mit ihren altmodischen Wägelchen wie gehabt auf dem Platz, als sei nichts geschehen, und wie in früheren Jahren kaufte ich einen der spottbilligen Sesamkringel bei einem Verkäufer, der erzählte, ein geflüchteter Ingenieur aus Syrien zu sein. Ringsherum zog bedenklich viel Polizei auf, postierte sich neben den zahlreichen Absperrgittern. Die zuvor zahlreichen Passanten verflüchtigten sich in Windeseile.

 

 


Einer der Straßenhändler ließ Plüschtiere tanzen. Ich erinnere mich, dass ich sie fotografierte, weil sie mir symbolhaft erschienen: Ablenkung und Beschwichtigung angesichts einer ungemütlichen Lage. Zügig lief ich zur Fußgängerzone Istiklal zurück. Gruppen von Demonstrierenden kamen mir entgegen. In den Seitengassen warteten schwere Panzerwagen mit Wasser­werfern. Busse entließen nervöse junge Polizisten in Kampfmontur, halbe Milchbärte, die Gebetsschnur in der einen, die Knarre in der anderen Hand. Auf der Höhe der englischsprachigen Buchhandlung von Galatasaray, in der ich kurz verweilte, stach mir Tränengas ins Auge. Fast im Laufschritt suchte ich mein nahegelegenes Domizil auf. Unterwegs rasselten vor den Läden schwere Eisengitter herunter. Später hörte ich Geknalle, Rufe und Getrappel. Am nächsten Tag las ich, dass es keine Toten gegeben habe.
Das Bild der Tiere vom Taksim ruft diese Erinnerung wach und schiebt sie vor den Anblick der Tiere im chinesischen Glücksspielautomaten, während ich zugleich damit beschäftigt bin, meine Eindrücke aus ein paar wenigen Tagen in China zu sortieren. Gibt es nicht gewisse Ähnlichkeiten mit der Türkei, wie ich sie nach 2000 zuerst kennengelernt hatte? Ein futuristisch gestimmtes Land, das sich mit Haut und Haaren dem Fortschritt verschrieben hatte. Eine stolze Gesellschaft, deren Gewinner ihre Privilegien demonstrativ genießen, als könnten sie auf diese Weise allen, die es noch nicht geschafft haben, als Vorbild dienen. Künstlerische und intellektuelle Eliten, die sich behutsam Freiräume zu schaffen versuchen. In der Türkei war es eine Zeit, in der viel möglich schien. Vorbei. Wie sich eine prosperierende Konsumgesellschaft auf den zentral gelenkten chinesischen Staat auswirken wird, kann niemand sagen. Manche unken, es komme darauf an, ob der Automat genügend Tiere für alle bereitstellt.

 

PS: Der FB-Aktie geht es nicht mehr wirklich gut seit dem Absturz im Sommer. ­Dauernd tauchen neue Probleme auf, zuletzt ein Hackerangriff auf 50 Millionen Profile:  https://www.wired.com/story/facebook-security-breach-50-million-accounts/
Anzeichen einer FB-Dämmerung? Chinesen haben andere Sorgen. Für sie liegen Facebook & Co. hinter der Great Firewall.

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Facebook ist auch nur ein Nagelstudio

Barbara Basting, 10.04.2018

Diese Muster für Fingernagelschmuck fielen mir vor vier Jahren im Fenster eines »Nailstudios« in Salisbury, Südwestengland, auf. Nail­studios begannen mich damals zu interessieren, weil ich vermutete, sie seien so etwas wie soziologische Zeigerpflanzen. Wie bescheuert oder verzweifelt muss eine Frau sein, um sich mitten im Sommer Weihnachtsbäume auf die Nägel applizieren zu lassen?
Inzwischen richtet sich mein Augenmerk mehr auf die Parallelität des Aufschwungs von »Nailstudios« und sozialen Medien. Für den Zusammenhang spricht ein Blick auf das Hashtag »Nailart« auf Instagram (das Facebook gehört). Hier gibt es um die 35 Millionen Beiträge (Stand September 2017).
Man wird melancholisch angesichts der Kreativität, die im digitalen Nirvana verpufft. Wäre ich Kuratorin, würde ich eine Nail-Art-Ausstellung konzipieren. Unterabtei­lungen wie: »Dekor zwischen Ornament und Verbrechen oder Der Lack ist ab«. Miniaturen gestern und heute. Materialitäten der Naildesign-­Kommunikation. Inklusive ein Kapitel zu Nagellacknamen. So heißt eine klärschlammartige Farbe bei einer sehr teuren Firma »particulière«, ein dunkles Braunviolettrot »androgyn«, ein vages Grau ­»horizon«.
In Sachen Miniaturisierung konsultierte ich einen Kunsthistoriker. Der riet mir, eine andere Spur zu verfolgen: Ich solle mal über die ästhetische Betonung der Nägel als Krallen nachdenken. Tierdarstellungen, namentlich von Wappentieren wie Löwe, Adler, Bär böten sich zum Vergleich an. Angebracht seien, fand der kulturwissenschaftlich infizierte Forscher, auch Gender-Reflexionen. Gesellschaftliche Implikationen des Nageldesigns als Indiz der weiblichen Selbstvergewisserung und -stilisierung. Oder so ähnlich.

 

 

Eine Ausstellung zum Thema Oberflächen im Rotterdamer De Nieuwe Institute zu Oberflächen, die ich auf einer meiner Reisen sah, brachte weitere thematische Impulse. In der Schau gab es doch tatsächlich ein Nailstudio. Neugierig näherte ich mich. Noch bevor ich Farbe und ­Dekor ausgewählt hatte, stellte sich die Lackiererin als Museumsmitarbeiterin vor und machte mir klar, dass sie mir aus Kosten- und Zeitgründen nur einen Nagel bearbeiten könne. Dabei war das Museum leer. Als Gegenleistung sollte ich überdies einen Fragebogen zur Ausstellung beantworten. Vermutlich war meine Farbsucht dran schuld, dass ich das Institut mit einem scharfblauen Zeigefingernagel verließ.
Kurz darauf sah ich die Postkarte eines Kunstwerks ­einer mir unbekannten Künstlerin namens Silvia B., das ein ausgestopftes Albinoäffchen zeigte. Alle seine Nägel waren rot lackiert. Eine Pfote ließ es manieriert hängen wie ein Dämchen, während es zugleich seine andere Hand, auch sie lackiert, mit gespreizten Fingern, pardon Pfoten, betrachtete. Ein selbstzufriedenes, ja selbst­ver­liebtes, leicht entrücktes Lächeln lag auf dem Gesicht des Äffchens. Ich kaufte die Postkarte und dachte noch länger ­darüber nach, ob das gute oder schlechte Kunst war.

PS: Die Schweizer Wochenzeitung »WOZ« hat eine Broschüre zur »Digitalen Selbstverteidigung« veröffentlicht. Gegen Datensammler und -sauger wie
Facebook, online erhältlich unter www.woz.ch/verteidigung
Facebook hat im September 2017 publik gemacht, dass es während des amerikanischen Wahlkampfes 2016 via russische Fake-Accounts adressatenorientierte Anzeigen gegen Hillary Clinton in Umlauf gebracht hat. Unter dem Titel »Facebook versus democracy« kommentiert der Medienprofessor Siva ­Vaidhayanathan in der New York Times vom 12.9.2017 besorgt: »We are in the midst of a worldwide, internet-based assault on democracy«. Die Facebook-Aktie umspielt in jüngster Zeit die 180-Dollar-Marke.

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Boutiquen am Bosporus

Barbara Basting, 10.04.2018

Ich bin nicht mehr sehr zufrieden mit Facebook. Denn in jüngerer Zeit scheint der Algorithmus dort ein totales Willkürregime zu entfalten. Noch dazu wird er dauernd verändert. Kaum habe ich mich an den wohligen Begleitstrom der Erinnerungsbilder gewöhnt, beschließt der Herr Zuckerberg, dass damit Schluss ist. Oder bin ich wieder einmal selber schuld, weil ich zu wenig geliket und geteilt habe?
Wie herrlich simpel war der alte Algorithmus gestrickt. Zu einer Zeit, als ich häufiger in Istanbul war, hatte er doch tatsächlich bemerkt, dass ich häufiger in Istanbul war. Ungefähr fünfmal nacheinander bekam ich meine Schnappschüsse von dort zwecks Zwangserinnerung serviert.
Sie sehen hier den lausigsten aller Schnappschüsse. Beim Herumstromern war ich auf diese Pailletten-Karyatiden und das etwas beklemmende Treppenhaus gestoßen, wo sie Spalier standen.
Wir befinden uns nahe der Metrostation Osmanbey auf der europäischen Seite Istanbuls. Hier gibt es einen Cluster von Boutiquen mit religionskonformer Damenmode. Im Angebot sind zum Beispiel hochgeschlossene lange Mantelkleider. Nein, nicht diese trostlosen beigen Säcke, sondern auf Taille geschnittene Kreationen in farbigen Stoffen. Kapuzen dienen als Kopftuchersatz. Etliche Schnitte sind recht fesch und für gazellenhaft schlanke Frauen gemacht. Dazwischen gibt es immer wieder Schaufenster mit fantasiegesteuerter Abendmode, die alles in den Schatten stellt, was man so an Oscarverleihungen sieht.

 

 

Gerne hätte ich die Boutiquen näher inspiziert. Aber nachdem mir aufgefallen ist, dass das Personal durchweg aus je drei Männern besteht, meist zwei jüngeren und dem Boss, ziehe ich mich vorsichtig zurück. Denn sie mustern mich eher missbilligend durch ihre Schaufenster, vor denen ich, in Jeans und Sneakers gekleidet, stehe und hineinglotze wie ein Kind in ein Aquarium. Sehen sofort, dass ich nicht zu ihrem Kundinnensegment gehöre, wenden sich ihrem Teeglas oder den mit Kilometern von Plastikfolie zusammengepressten, chinesisch beschrifteten Kleiderballen zu, die gerade angeliefert worden sind.
Irgendwo hatte ich Geschichten von Istanbuls boomender Modeszene gelesen. Sie erweckten den Eindruck, dass Istanbul sich anschickt, in eine Aufzählung vom Typ »Paris-London-New York-Milano-Tokyo« zu passen. Ich kam ins Grübeln. Vielleicht musste ich mein Verständnis von Mode überprüfen.
Später fielen mir in der unendlichen Warteschlange vor der Gepäckkontrolle am Flughafen Atatürk die Gruppen schwarz verschleierter Frauen auf, die gigantische Koffer und mit braunem Klebeband umsponnene Pakete auf die Fließbänder wuchteten. Ich ahnte, was in den Paketen war. Istanbul, soviel verstand ich, ist jetzt die Shopping Mall des Nahen Ostens, und aus dem Knotenpunkt der Seidenstraße ist ein Polyesterhub geworden. Bis heute bedaure ich übrigens, dass ich die Treppe in Osmanbey nicht hinaufgestiegen bin.

PS: Mit der Facebook-Aktie ist das so eine Sache: rauf runter rauf runter. Hat sie ihre besten Zeiten gesehen?
»Du bist das Produkt«: John Lanchesters profunde Analyse der Datenkrake Facebook https://www.theatlantic.com/technology/archive/2017/09/what-we-dont-know-about-what-facebook-knows/539010/ kann man in deutscher Übersetzung hier lesen und hören: http://www.deutschlandfunk.de/ueber-facebook-du-bist-das-produkt.1184.de.html?dram:article_id=397257
Das Thema »Bots«, sprich fiktive Follower, ist noch lange nicht gegessen:
https://www.nytimes.com/interactive/2018/01/27/technology/social-media-bots.html

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12 Feb 2011 — 12 Feb 2017

Barbara Basting, 24.03.2017

Kürzlich wollte Facebook mit mir feiern. Zu dem Zweck hat das Unternehmen mir einen Eintrag auf meine Pinwand gepostet, die eigentlich für andere gesperrt ist. Wegen der Trolle. Aber für die FB-Leute gilt die Sperrung offenbar nicht. Steht sicher im Kleingedruckten. Der Post, den ich hiermit teile, hat mich leicht verstört: »Barbara ist Facebook vor 6 Jahren beigetreten«! Auf dem größten der Buttons, die das zugehörige Bild zeigt, erkenne ich mein Profilbild. Ein Selfie, das ich vor einiger Zeit vor einer stark gewellten Alufolienwand in einer Ausstellung von Joëlle Turlinckx im Museum für Gegenwartskunst in Basel aufgenommen habe und auf dem ich aussehe wie eine ölige Farbschliere. Absurder Tarnungsversuch. Auf den kleineren erkenne ich die Selfies einiger meiner sogenannten Facebook-Freunde. Mitten in dem -Button-Salat ein Pfeil. Eine Animation zum Anklicken.

 

 

 

 

Ich möchte an dieser Stelle dringend davor warnen. Es ist oberpeinlich. Eine Verhöhnung. Zum Dank für die jahrelange Mitgliedschaft bei FB wird mir eine extrem anspruchslose Animation im Stil eines etwas dümmlichen Kinderbuchs geboten. Sie zeigt als erstes einen Ballon, der in einen blauen Himmel aufsteigt, mit einem Wow-Smiley. Unten dran hängt eine Karte mit meinem Vornamen. Es folgt der Text: Heute mag ein ganz normaler Tag sein. Und doch ist er etwas ganz Besonderes. Warum? Natürlich wegen dem -Facebook-Jubiläum. Seit dem 12. Februar 2011 bin ich demnach bei Facebook. Die Animation präsentiert mir als nächstes eine Flippermaschine, in der oben ein Kalenderblatt mit dem magischen Datum eingefüllt wird. Dann laufen Like-Love-Wut-Buttons wie Flipperkugeln durch die Maschine, und nebst ein paar Bildern aus meiner »Timeline« genannten Vergangenheit sondert die Flippermaschine einen altjüngferlichen Stoßseufzer ab: »Wie die Zeit vergeht!« Die fünf, sechs darauf folgenden Fotos hat die algorithmische Schöpfkelle rausgefischt.

Da mir mein Facebook-Jubiläum so plastisch vor Augen geführt wird, drängt sich mir der Vergleich mit Dienstjubiläen in meinem bisherigen Angestelltendasein auf. Der Weltenlauf bringt es mit sich, dass das Ausharren auf einer Stelle heute nicht mehr so großzügig honoriert wird wie früher. In aller Regel sollte man froh sein, wenn man bleiben darf oder es lang genug in einem Betrieb aushält. Dies insbesondere, wenn es nicht nur darum geht, den Lebensunterhalt zu sichern, sondern auch noch Sinn und, ganz altmodisch, Erfüllung in der Arbeit zu finden. Leider zeigt die Gratisarbeit für Facebook hier keinen überzeugenden Weg auf.

Immerhin bietet sie eine Gratifikation in Form von Likes und Gratis-Erinnerungen. Genauer gesagt, sind es algorithmisch generierte Zufalls- und Zwangserinnerungen. In einer klugen und ziemlich einleuchtenden Studie des Literaturwissenschaftlers und Social-Media-Experten Roberto Simanowski habe ich jüngst gelesen, dass sich diese Erinnerungen gerade wegen ihrer algorithmischen Zufälligkeit nie und nimmer zu einer echten, kohärenten Erzählung fügen werden, sondern uns immer nur mit der Illusion einer solchen ködern. Leider funktioniert dieser Bild-Köder bei mir prächtig, ich gebe es zu. Da Facebook es an der materiellen Gratifikation ebenso fehlen lässt wie an einer Entlöhnung, beschloss ich, mich fortan auch pekuniär am von mir mitverursachten Erfolg des Netzwerks als Werbeplattform zu beteiligen. Ich habe mir zu meinem Facebook-Dienstjubiläum eine Facebook-Aktie gekauft (Einstiegspreis: rund 133 Dollar). Nun wollen wir mal schauen, wie sich das Geschäft mit den Illusionen entwickelt.

 

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