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Zum Tod von Elisabeth Walther-Bense und Rul Gunzenhäuser: Eine Notiz

Es gab eine Zeit, um das Jahr 1960 herum, als programmierbare Rechenmaschinen dafür sorgten, dass die Wege zwischen Geisteswissenschaften und exakten Wissenschaften plötzlich ganz kurz erschienen und die gemeinsamen Fragen zahlreich waren. Ein Kristallisationspunkt hierfür in Deutschland war die damalige Technische Hochschule Stuttgart, mit dem Philosophen Max Bense und dem neu gegründeten Rechenzentrum. Mit Elisabeth Walther-Bense und Rul Gunzenhäuser sind zwei Zeugen dieser Zusammenkunft in den vergangenen Wochen gestorben.

 

Elisabeth Walther lernte Max Bense in den Nachkriegsjahren an der Universität Jena kennen und folgte ihm nach Stuttgart, wo sie 1950 promoviert wurde. Im folgenden Jahrzehnt war sie Mitarbeiterin an Benses Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie und habilitierte sich 1962 für Systematische Philosophie. Als ordentliche Professorin für Philosophie lehrte sie in Stuttgart (nun Universität) bis 1983. Ihre Arbeiten zur Semiotik und besonders das Interesse für die Schriften von Charles Sanders Peirce, zu deren Rezeption in Deutschland sie entscheidend beitrug, haben in Benses Überlegungen seit Mitte der sechziger Jahre starke Resonanz gefunden. Andere Projekte, etwa die zwischen 1955 und 1961 von ihr redigierte Zeitschrift „augenblick“ oder die 1960 begründete Schriftenreihe „rot“ belegen, dass Elisabeth Walther weit mehr als nur eine Mitarbeiterin Benses gewesen ist. Sie verstarb am 10. Januar 2018 in Stuttgart.

 

Seine von Max Bense betreute und 1962 an der TH Stuttgart eingereichte Dissertation zum Thema „Ästhetisches Maß und ästhetische Information“ brachte den angehenden Mathematik- und Physiklehrer Rul Gunzenhäuser zuerst mit Fragen der Computerprogrammierung in Kontakt. Eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent am Rechenzentrum der Technischen Hochschule eröffnete anschließend den Weg für eine Universitätslaufbahn als Informatiker. Gunzenhäusers Arbeitsschwerpunkt lag im Bereich der Mensch-Computer-Interaktion und hier besonders auf dem Feld des rechnerunterstützten Lernens. Unter dem Titel „Mathematik und Dichtung“ gab er 1965 gemeinsam mit dem Germanisten Helmut Kreuzer einen Sammelband heraus, der aktuelle Ansätze einer „exakten Literaturwissenschaft“ aufgriff und zur Diskussion stellte. Rul Gunzenhäuser verstarb am 14. Februar 2018 in Leinfelden bei Stuttgart.

 

Im November 2003 führten Hans-Christian von Herrmann und Christoph Hoffmann mit Rul Gunzenhäuser und Elisabeth Walther-Bense ein Gespräch über die besondere Stuttgarter Situation um 1960, an dem als weiterer Zeitzeuge auch Walter Knödel teilnahm. Knödel wurde 1962 auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für instrumentelle Mathematik an der TH Stuttgart berufen und übernahm gleichzeitig die Leitung des Rechenzentrums. In einem zweiten Gespräch erinnert sich Elisabeth Walther an ihren Weg in die Nachkriegsphilosophie sowie an den Stuttgarter Versuch, Informationstheorie und Kybernetik als Sache der Geisteswissenschaften zu begreifen.

 

 

Barbara Büscher (Hg.), Christoph Hoffmann (Hg.), ...: Ästhetik als Programm

Dass die Geschichte des Computers nach dem II. Weltkrieg ohne ihre deutschen Schauplätze und Akteure nicht geschrieben werden kann, ist lange schon bekannt. Weitgehend in Vergessenheit geraten ist hingegen, dass einer der frühesten Ansätze, das neue technische Niveau in Beziehung auf Wissenschaften und Künste zu denken, in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von dem Philosophen und Kunsttheoretiker Max Bense an der Technischen Hochschule Stuttgart ausgearbeitet wurde. Dieser ›hotspot‹ technischen Denkens wird in Form eines kommentierten Materialienbandes wieder vor Augen gerückt, der mit dem Auftauchen der Frage nach der Technik in Benses Schriften kurz vor dem Ende des II. Weltkrieges beginnt, sich dann ausführlich dem regionalen und internationalen Beziehungsgeflecht widmet, das seine Forschung und Lehre als Professor für Wissenschaftstheorie an der TH Stuttgart prägte, um schließlich den Streuungen der Stuttgarter Informationsästhetik in den ersten Computerkunstausstellungen Ende der sechziger Jahre nachzugehen.