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Literatur

Die ewige Frage, die niemand je beantworten wird
Die ewige Frage, die niemand je beantworten wird

Anna Kavan

Wer bist du?

»Wenn er nicht da war, war es ihr unmöglich zu benennen, warum er in ihr einen solchen Ekel erregte. Es gelang ihr nicht, das Gefühl wiederzufinden, das sie unlängst dazu getrieben hatte, ihn durch dieses tödlich dumpfe Unverständnis hindurch in völliger Vergeblichkeit anzubrüllen: das Gefühl seiner Wesen­losigkeit, seiner fremdartigen und unmenschlichen Art. Es war vor allem seine schattenhafte Empfindungslosigkeit, die sie so abstieß. Doch jetzt konnte sie nicht mehr so recht daran glauben. Es schien ihr, als habe sie sich...
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Aktuelle Texte

Maria Filomena Molder

So many egoists call themselves artists…

“So many egoists call themselves artists,” Rimbaud wrote to Paul Demeny on May 15, 1871. Even though that is not always obvious, ‘I’, the first person, is the most unknown person, a mystery that is constantly moving towards the other two, the second and third persons, a series of unfoldings and smatterings that eventually gelled as ‘Je est un autre’. That is why ‘apocryphal’ is a literarily irrelevant concept and ‘pseudo’ a symptom, the very proof that life, writing, is made up of echoes, which means that intrusions and thefts (Borges also discusses them) will always be the daily bread of those who write.

Words from others, words taken out of place and mutilated: here are the alms of time, that squanderer’s sole kindness. And so many others, mostly others who wrote, and many other pages, all of them apocryphal, all of them echoes, reflections. All this flows together into—two centuries...

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Aktuelle Texte

Maël Renouard

On Memory Atrophy

Externalized memory had always proceeded by contractions, summaries, reductions, selections, breaks in flow, as well as by organization, classification, boiling down. Card catalogues reduced thousands of works to a few key notions; tables of contents contracted the hundreds of pages in a given book. The sign itself was the first abbreviation of experience. An epic stitched of words was an abbreviation of the war, the long years of which were reduced to a few nights of recitation; the written text that recorded the epic was a contraction of the oral narration which pushed aside its sensory richness, melody, life in a thousand details. In accumulating, every level of abbreviation reconstituted an infinite flow, a new dilation that would be contracted in its turn. From the plurality of pages to the index and the table of contents; from the plurality of books to card catalogues.

The abbreviated elements were further arranged, situated...

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Durch die amerikanische Nacht
Durch die amerikanische Nacht

Mike Wilson

Rockabilly

Mein Kopf ist schwer, es kostet mich einige Mühe, die Augen zu öffnen, mein Körper ruht reglos auf dem ­Lay-z- Boy-Sessel, meine Hände reagieren nicht, bleierne Lappen, es gelingt mir, durch die Lider zu blinzeln, ich sehe verschwommene Schatten. Ich presse die Stirn gegen das Fenster und schirme das Licht mit den Händen ab, um zu sehen, was sich in der Dunkelheit des Nachbargartens abspielt. Es fällt mir schwer, aber die Augen passen sich an das Dunkel an. Rockabillys verschwitzter...
  • Gegenwartsliteratur
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Aktuelle Texte

Angelika Meier

Dreifaltigkeit meiner Zwirnspulenexistenz

In perfekt sitzender Uniform, die Hakenkreuzbinde frisch aufgebügelt, stehe ich in einer langen Schlange in einer amerikanischen Behörde, um einen Antrag auf einen total war zu stellen, doch nach stundenlangem Schlangestehen teilt mir der freundliche Sachbearbeiter mit, dass das application form for foreign aggressions im Saal nebenan zu erbitten sei. Da ich ein depressiver Faschist bin, lasse ich trotz meiner feschen braunen Uniform den Kopf immer recht schnell hängen und beschließe daher, für heute Schluss und lieber erst morgen den nächsten Versuch zu machen. Am nächsten Morgen stehe ich so auch tatsächlich wacker in der richtigen Schlange, habe dann aber nicht alle Papiere zusammen, um ordnungsgemäß einen total war zu beantragen. Neben der Geburtsurkunde (Original, keine Kopie!) fehlen mir zwei weitere Empfehlungsschreiben amerikanischer Staatsbürger. Man braucht fünf. Aber – ich dachte, drei… Nein, fünf insgesamt! Lächelnd hebt die Sachbearbeiterin ihre rechte Hand, die Finger anschaulich gespreizt. Wo ich doch aber schon...

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