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Jean-Luc Nancy zum 80. Geburtstag

Was fällt mir ein, wenn ich eine Woche vor seinem achtzigsten Geburtstag an ihn denke? Seine Furchtlosigkeit. Er hat, glaube ich, kaum Berührungsängste. Wenn man ihm etwas vorschlägt, läßt er sich meist willig darauf ein, will es ausprobieren. Nicht einmal äußere Schranken scheinen diesem unermeßlichen Sichvorwagen auferlegt zu sein, dieser Bereitschaft, Anderes, Neues, Ungeheuerliches, auch Läppisches, auf sich zu nehmen, geistig und körperlich. Man kann es in seinem Bericht und seiner Meditation über den Eindringling nachlesen. Er hat den Eindringling empfangen, der ihm ein weiteres Leben geschenkt hat – nicht weniger gefährdet und nicht weniger furchtlos. Vor vielen Jahren habe ich ihn gefragt, ob er sich mit mir über die Auswirkungen schwerer Krankheiten und schwerwiegender körperlicher Eingriffe unterhalten wolle. Das Gespräch sollte gemeinsam mit drei anderen zu einem kleinen Buch mit dem mehrdeutigen Titel Four Sick Friends zusammengestellt werden. Aufgefallen war mir, daß Menschen, die an lebensbedrohlichen Erkrankungen leiden oder die sich lebensbedrohlichen Operationen unterzogen haben, häufig aus einer uneinnehmbaren und unerreichbaren Distanz auf das Leben zu- oder zurückkommen, als wären sie nicht mehr einfach in das Leben geworfen oder als wären sie woanders, am Ort einer wunderlichen und unerträglichen Unberührbarkeit und Teilnahmslosigkeit, die ihnen erst eine Teilnahme am Leben ermöglichen. Sie halten sie an, sich zu exponieren, sich berühren zu lassen und zu berühren. Ich hatte aber ebenfalls eine Ahnung: daß dieser Ort vielleicht mit dem des Denkens zusammenfällt, mit dem des Denkens eines Philosophen oder eines Künstlers. Deshalb läßt sich, wie ich mir beim Schreiben dieser Zeilen zuflüstere, gar nicht ausmachen, ob seine Furchtlosigkeit etwas mit der Erfahrung seines Körpers oder mit der Erfahrung seines Geistes zu tun hat, ob es sein furchtloser Geist war, der ihn auf die Probe vorbereitet hat, vor der sein Körper nicht zurückgeschreckt ist, oder ob es sein furchtloser Körper war, der seinen Geist von aller Furcht befreit hat, von allem Zögern und Zaudern, das das Denken vom Denken abhält, es ihm verwehrt, zum Denken zu werden. Den Ursprung der Furchtlosigkeit in der Herzverpflanzung ausmachen zu wollen, der er sich unterzogen hat, ist müßig, so untrennbar sie auch von ihr ist, so sehr die Furchtlosigkeit des Körpers und die Furchtlosigkeit des Geistes einander vorausgehen und einander bedingen, aufeinander folgen, uneinholbar und ununterscheidbar. Um kein anderes Leben bangt der Freund vielleicht mehr als um das seiner schwer- oder todkranken Freunde, denen mindestens einmal und manchmal immer wieder eine ungeahnte und unwahrscheinliche Frist gewährt worden ist. Und doch ist das, was aus einem Außen herrührt, seine Furchtlosigkeit, nicht mehr einfach endlich.                                                                                                    

                                                                                              Alexander García Düttmann

Jean-Luc Nancy

Jean-Luc Nancy

zählt zu den bedeutendsten Philosophen der Gegenwart. Er lehrte bis zu seiner Emeritierung Philosophie an der Université Marc Bloch in Straßburg und hatte Gastprofessuren in Berkeley, Irvine, San Diego und Berlin inne. Sein vielfältiges Werk umfasst Arbeiten zur Ontologie der Gemeinschaft, Studien zur Metamorphose des Sinns und zu den Künsten, Abhandlungen zur Bildtheorie, aber auch zu politischen und religiösen Aspekten im Kontext aktueller Entwicklungen.