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Literatur

»Mathews bester Roman.« John Ashbery
»Mathews bester Roman.« John Ashbery

Harry Mathews

Der einsame Zwilling

Berenice Tinker sagt: »Wenn der Wein nach deinem Gusto ist, hat er eine vorteilhafte Wirkung auf dich. Du leuchtest durch deine Verschlossenheit«, worauf ­Andreas Boeyens erwidert: »Du bist zu bescheiden, Darling. Es ist nicht der Wein.« »Danke für deine jüngsten Galanterien, aber ich spreche von etwas Realem, einem mess­baren physikalischen Effekt.« »Siehst du, das meine ich.« »Bitte, keine coolen Filmrepliken. Trinkst du etwa keine Appletinis, um ›deine Schwäche für erlesene Weine abzutöten‹?« »Dann aber auch kein Zitat-Dropping.« »Wenn du darauf...
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Aktuelle Texte

Angelika Meier

Dreifaltigkeit meiner Zwirnspulenexistenz

In perfekt sitzender Uniform, die Hakenkreuzbinde frisch aufgebügelt, stehe ich in einer langen Schlange in einer amerikanischen Behörde, um einen Antrag auf einen total war zu stellen, doch nach stundenlangem Schlangestehen teilt mir der freundliche Sachbearbeiter mit, dass das application form for foreign aggressions im Saal nebenan zu erbitten sei. Da ich ein depressiver Faschist bin, lasse ich trotz meiner feschen braunen Uniform den Kopf immer recht schnell hängen und beschließe daher, für heute Schluss und lieber erst morgen den nächsten Versuch zu machen. Am nächsten Morgen stehe ich so auch tatsächlich wacker in der richtigen Schlange, habe dann aber nicht alle Papiere zusammen, um ordnungsgemäß einen total war zu beantragen. Neben der Geburtsurkunde (Original, keine Kopie!) fehlen mir zwei weitere Empfehlungsschreiben amerikanischer Staatsbürger. Man braucht fünf. Aber – ich dachte, drei… Nein, fünf insgesamt! Lächelnd hebt die Sachbearbeiterin ihre rechte Hand, die Finger anschaulich gespreizt. Wo ich doch aber schon...

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Es gibt kein absolutes Besonderes.

Rolf Bossart, Milo Rau

Es gibt kein absolutes Besonderes.

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»Es begann am Arsch der Welt.«
»Es begann am Arsch der Welt.«

Louis Calaferte

Requiem für die Schuldlosen

Ich meine immer noch Ledernacht zu hören, den alten deutschen Juden, wie er behauptet, Christus sei nicht gekreuzigt, sondern mit Schuhabsätzen zermatscht worden, wodurch jegliche Wiederauferstehung ziemlich unwahrscheinlich werde. Sobald er betrunken war, rief er von einem Ende der Straße zum anderen, von einem Ende des Viertels zum anderen seine Überzeugung heraus: Seine Stimme brauchte nur eine Oktave oder zwei höher zu steigen, und schon konnte man ihn in allen vier Himmelsrichtungen hören. Genauso aufrichtig wie Christus selber. Aber immer nur,...
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